Zeugnisse der Vergangenheit

Nachricht 05. Februar 2017

Renovierungsarbeiten bringen Kupferschatullen mit Dokumenten aus der Zeit des Kirchenbaus zutage

Der Abschluss der Arbeiten am Turm der Apostelkirche steht nach langer Bauzeit bevor. Kurz bevor auch der frisch vergoldete Wetterhahn wieder an seinem angestammten Platz an der Turmspitze angebracht worden war, stießen die in einer Höhe von 50 m tätigen Handwerker nun auf zwei verschweißte Kupferschatullen. Deren Öffnung überbrachte Botschaften aus einer fernen – und einer nicht ganz so fernen – Vergangenheit: Ihr Inhalt besteht aus Zeitzeugnissen aus den Jahren 1882 und 1986.

Es ist ein alter Brauch, beim Bau von Kirchen wetterfest verlötete Behältnisse in die Turmspitzen einzumauern. Das damit verbundene Ziel besteht darin, die kommenden Generationen mit Informationen über die eigene Gegenwart zu versorgen. In diesem Sinne verfuhren vor mehr als 130 Jahren auch jene Menschen, die den Bau der Apostelkirche verantworteten. Die beiden Schatullen enthalten somit eine ganze Reihe von historisch interessanten Erinnerungsstücken aus der Gründungszeit der Apostelgemeinde. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um Originale. Die Schatullen wurden nämlich schon einmal geöffnet. Bereits im Jahre 1986 führte man umfangreiche Maßnahmen zur Behebung von Schäden an Mauerwerk, Dach und Turm durch. Als die Arbeiter schließlich im letzten Bauabschnitt den Wetterhahn und die Kugelspitze abnahmen, stießen sie damals unerwartet auf die Kupferbehälter. Ihren wertvollen Inhalt übergab der damalige Kirchenvorstand der Apostelgemeinde dem Archiv der Landeskirche, die Originale ersetzte er durch Kopien. Gleichzeitig aber ergänzte sie der Kirchenvorstand um eine Anzahl weiterer Dokumente, die nun die Gegenwart der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts widerspiegelten.

Welche Dokumente fanden sich in den Kupferbehältern?

Im Jahre 1882 entschied naturgemäß der Bauherr der neuen Kirche über die Auswahl geeigneter Erinnerungsstücke. Hierbei handelte es sich um die nahegelegene Christuskirchengemeinde. Sie war bis Anfang der 1880er Jahre derart angewachsen, dass die Pastoren eine angemessene geistliche Versorgung ihrer Gemeindemitglieder nicht mehr gewährleisten konnten. Als Lösung entschied man sich für den Bau einer Tochter-Kirche, die den nordöstlichen Teil der Gemeinde abdecken sollte. In den Schatullen findet sich ein Brief des Kirchenvorstands der Christuskirchengemeinde, der diesen Zusammenhang erläutert: „Der Bau der Apostelkirche, zu welchem der Grundstein am 11. Oktober 1880 gelegt wurde, ist jetzt, im Monat Juli 1882, soweit gefördert, dass wir am bevorstehenden 15. Juli die Turmspitze mit dem Knauf zu krönen hoffen. […] Die [Apostel-]Kirche ist zum gottesdienstlichen Mittelpunkt des Theils der 40000 Seelen umfassenden Christusgemeinde bestimmt, welcher ehemals die Ortschaft Fernrode bildete und etwa 17000 Seelen zählt.“ Des Weiteren hielt man in diesem Schreiben die personelle Zusammensetzung des Kirchenvorstands fest und berichtete über die Herkunft der für den Bau verwendeten Geldmittel.

Ernst-August, König von Hannover (1771–1851)

Ferner fällt die Vielzahl von Dokumenten ins Auge, die auf das Welfenhaus Bezug nehmen. Eine ganze Reihe von Fotografien und Zeichnungen zeigt Mitglieder des 1866 durch Preußen abgesetzten und sich nunmehr im Exil befindenden Königshauses von Hannover. So finden sich Abbildungen sowohl der Könige Ernst-August (1771–1851) und Georg V. (1819–1878) als auch des Kronprinzen Ernst-August (1845–1923) und seiner Gemahlin Thyra von Dänemark (1853–1933). Enthalten sind ferner Schreiben Georgs V. und seiner Ehefrau Marie (1818–1907), die deren Verbundenheit mit der Heimat ausdrückten. Die große Bedeutung, die der Erinnerung an die Welfen beigemessen wurde, erklärt sich aus der besonderen, bis in die heutige Zeit reichende Bindung des Bauherren an das hannoversche Königshaus: Die 1864 eingeweihte Christuskirche war aus Mitteln Georgs V. finanziert worden. Noch heute Tag hat das Fürstenhaus der Welfen das Patronat der Kirche inne.

Verewigt haben sich des Weiteren die beteiligten Handwerker: Enthalten ist so z. B. auch ein Grußschreiben der Turmknaufherstellerfirma „Gebr. Söhlmann. Zinkornamentefabrik und Bauklempnerei“ vom 8. Juli 1882. Zur Vermittlung des zeitgeschichtlichen Hintergrunds gab man schließlich sowohl verschiedene Münzen (heute ebenfalls im Archiv) als auch mehrere Zeitungen in die Behältnisse. Ausgewählt wurden hierfür Ausgaben des „Hannoverschen Sonntagsblatts“ vom 2. Juli 1882, des „Hannoverschen Tageblatts“ vom 6. Juli 1882 sowie der „Deutschen Volkszeitung“ (Presseorgan der Deutsch-Hannoverschen Partei) vom selben Tag.

Diakonin Angelika Gensink, Pastorin Christine Schröder und Küster Rudolf Maack präsentieren zwei Titelblätter aus dem Jahr 1986 / Bild: Wolfgang von Reitzenstein

Ergänzungen aus dem Jahr 1986

Als der Kirchenvorstand der Apostelgemeinde Mitte der 1980er Jahre den Inhalt der Kupferschatullen ergänzte, folgte er dem einhundert Jahre zuvor vorgegebenen Muster. Auch er nutzte Zeitungen, um einen Eindruck von den eigenen Zeitumständen zu vermitteln. Mehrere der dafür ausgewählten Ausgaben spiegeln – auf jeweils charakteristische Weise – die Unsicherheit wider, die die deutsche Öffentlichkeit anderthalb Monate nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl noch immer beherrschte: Die Hannover-Ausgabe der BILD (13. Mai 1986) bezog sich im Titel auf die Beobachtungen finnischer Ornithologen: „Verseuchte Vögel fielen vom Himmel“. Der Aufmacher der HAZ vom 14. Mai berichtete – etwas nüchterner – über geplante staatliche Hilfen für Bauern, die unter den Folgen des Reaktorunglücks litten. Und die Evangelische Zeitung zitierte den damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Martin Kruse mit der Mahnung „Tschernobyl ist ein Warnsignal“. Eine Ausnahme bildete hier lediglich das Exemplar des „Stadtteilreporters“ für die Oststadt (14. Mai 1986): Auf Seite 1 findet sich ein Bericht über die Fortsetzung eben jener Renovierungsarbeiten an der Apostelkirche, die die Ursache für den Fund der Kupferschatulle darstellten.

Auch 1986 fügte man den Schatullen ein Beispiel für die gängigen Zahlungsmittel bei. Sie enthielten somit einen kompletten Münzensatz der damals noch gültigen Deutschen Mark. Ebenso findet sich ein Schreiben der für die Turmspitzenerneuerung verantwortlichen Firma Franz-Josef Skrzipek aus Burgdorf, das die Namen der beteiligten Handwerker auflistet. Über den Verlauf der Geschichte der Apostelgemeinde seit ihrer Gründung geben verschiedene Broschüren Auskunft, die zu Jubiläen verfasst worden waren. Und in einem Begleitbrief (s. Abb. oben) schildert Gerhard Hoffheinz, einer der beiden damaligen Pastoren, den Fund der Kupferbehälter von 1882 sowie die Entnahme ihres Inhalts. Er schließt mit den Worten: „Anstelle der gefundenen Dokumente legen wir in die renovierte Kugelspitze zeitgeschichtliche Gegenstände, die der Nachwelt einen Einblick in unsere Gegenwart vermitteln mögen.“ Darüber hinaus wollte man an die Mitarbeiter der Gemeinde erinnern. Eine Liste führt die Namen sowohl der 1986 amtierenden Pastoren, der Pfarrsekretärinnen, der Diakonin und der Gemeindeschwester als auch der Verantwortlichen für die Kirchenmusik und den Kindergarten auf. Erwähnt wird dabei zudem der Küster Rudolf Maack, der diese Aufgabe auch heute noch ausführt.

Den Schatullen wird eine dritte beigegeben

Dem hier beschriebenen Brauch fühlt sich auch der gegenwärtige Kirchenvorstand verpflichtet. Wenn die beiden Kupferschatullen am 7. Februar 2017 – neu verschweißt – abermals in der Spitze des Kirchturms untergebracht werden, wird sie nun ein drittes Behältnis begleiten. Sein Inhalt – aktuelle Dokumente und Zeitzeugnisse – wird die zukünftigen Finder über die Gegenwart des Jahres 2017 informieren. Sie bedeutet für die Apostelgemeinde einen Einschnitt, dessen Relevanz an ihre Gründung vor 133 Jahren heranreicht: Seit dem 1. Januar dieses Jahres hat sich die Gemeinde mit ihrer Nachbarin aus der List zur neuen Apostel-und-Markus-Gemeinde zusammengeschlossen.

Text: L. Mücke